IN DEN RAUM GEWORFEN
artgerechte Haltung Bildende Künster Esslingen e.V. zu Gast bei Initiative Mahlwerk in der Steingießerei im Kulturpark Dettinger, Plochingen:
Eröffnung: Freitag 26.6.2026 um 19.30 Uhr
Begrüßung: Anu Paflitscheck, Verein Mahlwerk e.V.
Einführung: durch die Künstler*innen
Musik: Michael Speth @electricviolinday
Ausstellungsdauer: Sa.27.6. bis So.12.7.2026
Finissage Sonntag 12. Juli 2026. 17 Uhr
Öffnungszeiten: Sa. und So. 14-18 Uhr
Esslinger Str. 52, 73207 Plochingen
Künstler*innen des Kunstvereins artgerechte Haltung bildende Künstler Esslingen stellen aus:
Rosemarie Beißer – www.rosemariebeisser.de
Ein Atemhauch überm Nichts – 2023 – Rauminstallation, textile Materialien
Meine Idee war, den schweren Mühlsteinen, die hier in der Steingießerei gegossen wurden, etwas Leichtes, Zartes und formal Andersartiges entgegenzusetzen.
Es zeigen sich jetzt 3 dreidimensionale Formen, genäht aus transparentem Stoff. Sie scheinen fast schwerelos im Raum zu schweben- wie ein Atemhauch überm Nichts.
Stefan Brusius – www.stefan-brusius-fotografie.de
Dschelada im Gegenlicht beim Fangen eines Gegenstands – fotografiert 2026 – Ausdruck auf Fotopapier 60×90
Er fotografiert am liebsten Tiere… und am liebsten als Porträt, frontal, symmetrisch. Augenblicke.
Vielleicht können sich einige an eine große Ausstellung von ihm 2018 im Theaterhaus Stuttgart erinnern? Oder auch hier in Plochingen im Steiner am Fluss im selben Jahr?
Augenblicke. Beim frontalen Portrait schaut den Betrachter ein Augenpaar an. Aber es ist auch der Moment, in dem das Tier mal kurz seinen Kopf frontal der Kamera zugewandt hat oder auch wie hier, in dem der Affe etwas in den Raum geworfen bekommt und bereit ist aufzufangen. Er arbeitet nicht mit Dauerfeuer. Er wartet auf den richtigen Augenblick. Innehalten mit wahrer Konzentration und auch nonverbaler Kommunikation. Gezielte Schnappschüsse. Es gilt den richtigen Augenblick zu erwischen.
Norbert Edel – www.norbert.edel.de
Your voice is good for roses – 2026 – Acryl und Farbstift auf Papierform
Das Vergessen – 2026 – Acryl und Farbstift auf Papiergefäß
Your shoes – 2024 – Acryl und Farbstift auf Papiergefäß
Damit ein Raum entsteht braucht es eine Begrenzung, ein Innen und ein Außen. Meine dreidimensionalen Papierarbeiten arbeiten mit diesen Bezügen: es gibt einen Innenraum, der Bilder trägt, und eine Außenfläche, die ebenfalls Bilder trägt. Innen und Außen sind aufeinander bezogen, treten in Wechselwirkung. Damit sich erschließt, was sich innen und außen abspielt, müssen die Arbeiten umgangen werden, muss die Perspektive wechseln.
Was wird hier in den Raum geworfen? Da finden sich abgelegte Schuhe. Da werfen wir einen Blick in verlassene Fabrikräume, die einmal Raum für die Arbeiter von Oskar Schindler waren, da ist ein Junge mit einer Brandnarbe, da sind Gestrandete und Helfershelfer, Opfer und Täter, Verstummte und Aufbegehrende. Das alles steht auf einer dünnen Schicht Papier, nur Papier steht im Raum, bildet eine Form, ein Gefäß, ein Innen und Außen. Stabile Form im Moment, aber fragil. Nichts ist von Dauer.
Bettina Funke – https://bettinafunke.com
BINDING LIGHTS – 2026 – Alltagsgegenstände in Weißtönen
STAUBVERGESSEN III – 2025 – Alltagsgegenstände in Grüntönen
FLUGBRUCHSTIMMEN – 2026 – Fotografie auf Alu-Dibond
STIMMBRUCH – 2026 – Fotografie auf Alu-Dibond
TANTALUST – 2025 – Alltagsgegenstände in Rottönen
WURFSPROSS – 2026 – Alltagsgegenstände in Grüntönen
Ich arbeite mit den Resten unserer Alltagswelt – mit Dingen, die gebraucht, beschädigt oder aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst sind. Scherben, Fundstücke, einfache Materialien des Häuslichen werden zu Ausgangspunkten für Bildräume und räumliche Setzungen. Meine Arbeitsweise bewegt sich zwischen Komposition und Intervention. Durch Verschieben, Verdichten, Ordnen und Reagieren entwickeln sich fragile Konstellationen, in denen Material, Farbe, Licht und Körperlichkeit miteinander in Beziehung treten.
Mich interessiert das subversive Potenzial des Alltäglichen: der Moment, in dem etwas Vertrautes seine Funktion verliert und eine neue Präsenz entwickelt, zu atmen beginnt.
Die Farbobjekte ebenso wie die Fotoarbeiten laden ein, in eine Welt jenseits von Funktion und Gewohnheit einzutauchen und Schönheit, Komplexität und Kraft im scheinbar Unscheinbaren wahrzunehmen.
Micha Hartmann – http://kunst-hartmann.com
Vier Bronzearbeiten, ohne Titel – 1997/98 – 2002 (nachbearbeitet 2026)
Zurückgelassen, hingeworfen und trotzdem teilweise gerade so ausbalanciert, dass sie nicht umfallen können: Die vier Bronzegüsse von Micha Hartmann liegen bzw. stehen ohne Sockel am Boden. Die Oberflächenstruktur des Bodens und der Patina der Bronze reagieren aufeinander. Vielleicht werden sie vom Betrachter erst im zweiten Moment als Artefakte wahrgenommen. Die Anmutung des Einfachen, scheinbar Zufälligen ist wichtig.
Die weiche, zerbrechliche Anmutung der ursprünglichen Wachsform lässt sich erahnen und verbindet sich mit der Stabilität und Schwere der daraus gegossenen Bronzeform. Die Güsse sind zeichenhaft und haben mehrere Durchbrüche. Der Eindruck, dass diese Formen einmal eine Funktion gehabt haben könnten, entsteht auch durch in der Wachsform integrierte Plastikteile, die jetzt nach dem Guss genauso aus Bronze sind, wie die Gesamtformen, die ursprünglich aus Wachs waren.
Drei Güsse habe ich im Wachsausschmelzverfahren an der Hochschule in Mainz erstellt, eine wurde bei Seddig und Tme in Nellmersbach gegossen; alle Arbeiten sind patiniert (Kupfernitrat, Natriumthioantimonat, Eisensulfat).
Angela Hildebrandt – www.angela-hildebrandt.de
face the facts – 2026 – Holzbrett
Platon wählte es als Symbol. Dann haben Forscher es berechnet und, sofern die Menschen den Rändern fernbleiben, es kann funktionieren. Und trotzdem so viel Streit, so viel Hass und Hetze. Dabei zweifeln nicht alle Wissenschaftler, Politiker sind da ganz klar und Künstler spüren und visualisieren. Denn die Wahrheit ist so einfach, so schön. Die Erde ist ein Würfel. Punkt. Ende der Diskussion.
Jeannette Knieriemen
Heimspiel – 2013 – 3 Objekte aus Textilien, Asche, Eisendraht
>Heimspiel<… 2007 – 2010 hatte ich hier im Kulturpark Dettinger ein Atelierstipendium inne. Zunächst habe ich mit Asche als Pigment auf Leinwand gearbeitet. Später bin ich dann mit meinen Aschewickeln in den Raum gegangen. Bei meiner Abschlussausstellung 2010 hing hier der ganze Raum voller unterschiedlicher Aschewickel. Eine riesige, begehbare Rauminstallation. Aschewickel sind Textilien, umwickelt mit Schnur, bespachtelt mit Asche. Inzwischen gibt es auch Wickel, die mit Draht bearbeitet sind, mit Holz, die auf Stahlstangen stehen. Manche muten an wie Kokons, Fruchthüllen, Knospen, … sie erobern den Raum.
Sebastian Kopp
wo bist du – 2026 – Karteikästen, Zeichnungen, Diverses
Kain und seine Kinder
wo bist du
wo bist du adam? wo dein bruder, kain?
verloren seid ihr in der welt
und alles dichten, tun, auch jedes sein
ist’s was bis heut davon erzählt
mit liedern bildern viel geschick
tragen wir sehnsucht vor uns her
und was wir haben heut an glück
Ist doch nur mangel und begehr
wo ist dein bruder, wo bist du?
mach dich ehrlich zeige dich
anders findst du keine ruh
wer sich verliert, der findet sich
Kain – der dritte Mensch der Welt (nach Genesis 4)
Adam und Evas Sohn „Kain“ (Erwerb/Besitz) tötet seinen kleinen Bruder „Abel“ (Hauch/ Vergänglichkeit) aus Neid und wird daraufhin zu Rastlosigkeit und Ruhelosigkeit verflucht. Ein Zeichen soll ihn fortan vor der Willkür anderer Menschen schützen. Kain wird sesshaft, bekommt Kinder, und baut die erste Stadt. Seine Nachfahren werden allerlei unterschiedliche Handwerker und Künstler, die fortan ihre Sehnsucht nach Vollkommenheit und ihren Mangel an Vertrauen mit immer neuem und inflationärem Gestalten zu bewältigen versuchen.
Zur künstlerischen Arbeit: Die Künstlerische Arbeit „Kain und seine Kinder“ ist als sich auflösendes Kunstwerk konzipiert. Gerne dürfen Sie eine oder mehrere Frames der Zeichnung mitnehmen
Wolfgang Scherieble
Er schaut (in den Raum geworfen) – Installation 2026, Neufassung einer älteren Arbeit
Nicht nur einer schaut.
Der Fasan oben auf der Ansitzstange, vertrieben von seinem ursprünglichen Platz auf der weißen Tür, und der Alte, hinten auf dem Kasten, beide schauen.
Um auch die anderen Beiden zu sehen, die schauen, müssen Sie genauer hinschauen: hineinschauen in den innen beleuchteten Schaukasten.
Darin schaut Einer auf einen Anderen und der Andere auf die Skizze einer Wachs-Skulptur.
Mit einem kleinen Augenzwinkern entwerfe ich da die Skulptur „Honigmilch“.
Meine Schaukästen stehen in der Tradition von Dioramen und maßstäblichen Architektur- und Bühnenbild-Modellen. Sie sind auch von meiner langjährigen Theaterarbeit geprägt.
Nebenbei: Wie die ursprüngliche Arbeit ausgesehen hat, können Sie in dem Heft sehen, das auf der Installation liegt. Das dürfen Sie gern in die Hand nehmen und durchblättern.
Kontakt: w.scherieble@gmail.com
Claus Staudt – www.claus-staudt.de
das goldene Errettungsboot mit Beifang – 2021-26 – Objekt mit Rollatoren und Farbstiftzeichnung, gerahmt
Das goldene Errettungsboot fährt auf Rollatoren durch die Welt, die keine ist. Ein Mann, der glaubt Prometheus zu sein, wird von Fliegen verfolgt, die gemeinsam das Lied von der Summe brummen. Ein Strahl falschen Goldes blitzt auf und lässt tief in die schlierigen Augen des Künstlers blicken, der da glaubt, Kunst müsse mehr sein als nur Behauptung.
Die Welt, die keine ist, dreht sich im Kreise. Flaschen klirren und dieser Reißverschluss war auch schon vor 4 Jahren kaputt. Im LKA sind nur Scheintote und Prometheus zählt 42, ist grenzenlos grenzwertig, gehört zur liegenden 8, dem Ding, das ewig in sich fließt.
Der Adler des Zeus hat ihn genau im Blick und das Errettungsboot dreht bei, die Welt zu erretten. Nur welche Welt, die der Reichen und Mächtigen oder die der Armen und Schmächtigen? Ein Lackaffe fordert Schweigen ein und das große gütige Herz der Alibi-Frau brennt ab.
Gold mit Geist vor Knarren mit Granaten – doch wo ist die Gallionsfigur geblieben?
Was sollen wir mit einer Beschreibung anfangen, die keine ist? Und was soll ich mit einer Kunst anfangen, die mir zuflüstert ‚du bist schön‘, 30 000 Jahre alt ist und mit mir auf die Toilette gehen will? Ist sie eine aus dem Himmel gefallene Influencerin oder eine Abgesandte von ‚Dokumenta ohne Grenzen‘?
Wir alle hatten mal was Großes vor und am Ende werden wir alle gewesen sein, nur der Glanz des falschen Goldes wird uns überdauern, … oder?
Sabine Weller
7 Figuren – 2026 – Ton/Papier/Draht/Geäst/Glas
Meine Figuren entstehen aus den Händen heraus. Ich arbeite mit Ton, Papier, Draht, und oft werden es Mischwesen, Tier-Menschen. In allen Kulturen gibt es diese Verbindungen. Als Gottheit oder zur Beschwörung von Naturphänomenen. Meine Figuren haben keine Aufgabe. Vielleicht sind sie auch Figurinen aus der Theaterwelt – Kostümentwürfe für eine Operninszenierung. Manche singen und gestikulieren. Sie spielen ein Drama, das noch keinen Titel hat.
Evi Wietschorke
Helikopter, 2009/2026, Holzschnittdruck auf Leinwand, 90 x 160 cm
Helikopter: Sie starten und landen senkrecht, haben eine komplexe Steuerung und werden oft in unwegsamem Gelände oder dichtbesiedelten Stadtgebieten eingesetzt. Sie fliegen niedrig, erinnern mich immer ein bisschen an überdimensionale Insekten, die drohend über mir in der Luft kreisen. Obwohl die Maschinen überwiegend für Rettungseinsätze unterwegs sind, lösen sie bei mir eher ein mulmiges Gefühl aus: Etwas ist passiert. Jemand wird gesucht. Gebraucht.
In meiner künstlerischen Arbeit verbindet sich oft Technik mit Natur; der Kontrast zwischen glänzend metallischen Oberflächen und der organisch anmutenden Zersetzung auf der Erde, eingebettet in einer Landschaft im Kinoformat, interessiert mich und stellt mich immer wieder vor formale Herausforderungen. Dabei ist mir auch der Entstehungsprozess wichtig, das „manuelle“ Drucken, (hier: mit den Füßen) des Holzschnittes.
Auf der Leinwand sind die Helikopter abgestürzt, als Wracks unbrauchbar und wertlos in einer kargen Landschaft und passen sich farblich in diese ein. Teils bis zur Unkenntlichkeit deformiert, verschmelzen sie mit ihrer Umgebung. Metall wird zu Erde.
Bertl Zagst – www.bertl.zagst.de
Schwebung/P (S. d. G.) – 5/2026 – Karton, Stahl
Den Raum ausnutzen, seine Dimensionen – vor allem die Höhe – erfassen – das ist meine Grundidee für diese Installation gewesen.
Aus weißen Pappkartons entsteht eine Transformation aus Linien, Flächen, Körpern mit vielen Durchblicken und Überlagerungen.
Ein Wechselspiel von Geschlossenheit und Offenheit, Leichtigkeit und Schwerelosigkeit, Verdichtung und Auflösung, von Ordnung und Chaos ist zu erleben.
Die Spirale wird zu einem Symbol des Zerfalls der Strukturen durch Gewalt und nimmt damit Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen.
Impuls
Die Passepartouts assoziieren leere Porträtrahmen als Spuren anonymer Opfer von Gewalt und Willkür.
Umsetzung
Wegen ihrer Dimension und des Handlings besteht die Plastik aus vier Papp-Segmenten mit einer Fläche von 8m2, verbunden mit einem stabilisierenden Stahlstab und an Seilen drehbar gelagert aufgehängt.